Meeresrauschen (Man müsste mehr ans Meer)

Wir standen barfuß im Wasser und beobachteten, wie die schmale vorgelagerte Sandbank immer kleiner wurde. Leise rollten die Wellen über den hellen Sand, umschmeichelten die kleinen bunten Steine, drehten die Muscheln um ihre Achse und zogen sich wispernd zurück. Meine Füße sanken tiefer, gruben sich ohne eigenes Zutun in den Schlick und vermittelten mir das Gefühl, ich könne irgendwann völlig verschwinden, um in einigen Jahren als gut konservierte Strandleiche ausgegraben zu werden. Doch dieses Bild verursachte bei mir nur einen wohligen Schauer, denn ich wusste aus Erfahrung: Diese Fantasie war mein kleiner mentaler Albtraum, mehr nicht.

Während ich versunken auf das Meer blickte, versuchte meine Freundin neben mir mechanisch, ihre Haare zu bändigen. Der salzige Wind ließ sie aussehen wie einen wandelnden Wischmopp, egal, wie oft sie sich über den Kopf strich. Doch im Urlaub sind solche Dinge eher belanglos, was zählt, ist der Wohlfühlfaktor und davon hatten wir endlich reichlich: Die wärmende Frühlingssonne, der lange fast menschenleere Sandstrand, eingerahmt von den im Hintergrund liegenden  Wäldern – das alles waren Puzzleteilchen in unserem seit gestern perfekten Ferienbild – und Geo-Cachen…..

Die innere Mitte (Smartphone Krimis)

Nur noch heute. Seufzend ließ ich meine Augen bis zum Meer wandern und sog die klare Salzluft ein. Eigentlich könnte alles so perfekt sein. Niemals hätte ich zu hoffen gewagt, in diesem Hotel noch ein Zimmer zu bekommen. Es wurde meistens von  großen Firmen gebucht und nur durch einen Glücksfall waren diesmal zwei Zimmer leer geblieben. Eines davon bewohnte ich nun seit einer knappen Woche: ein heller Raum mit Blick auf die Strandpromenade; außerdem gab es ein ausgezeichnetes Frühstücksbuffet und – als Highlight – den Wellnessbereich unter dem Dach. Ich liebte die aromatischen Aufgüsse, die Tasse Kräutertee zwischendurch, den Gang über die Dachterrasse und die Entspannung auf einer der  bequemen Liegen im Ruheraum.

Ich hatte kurz vor dem Zusammenbruch gestanden und diese Auszeit so herbeigesehnt. Und mir blieb immer noch die zweite Woche meines Kurses „Überwinde die Grenzen – Finde deine innere Mitte“ und der Aufenthalt in diesem herrlichen Hotel.

Die Einzige, die meine Freude trübte, war die Dame aus meinem Nebenzimmer, Elisabeth von Strilow. Sie war am selben Tag angereist wie ich und bevorzugte zur Entspannung ebenfalls abends den Wellnessbereich. Unglücklicherweise verbrachte sie genau die Zeiten dort, die auch ich mir nach den Seminarstunden ausgesucht hatte.

Am ersten Tag unserer Bekanntschaft freute ich mich noch über ihre Anwesenheit, bis ich bemerkte, wie anstrengend ein ständiges Wörterrauschen von der Seite sein konnte. Nach einer kurzen gegenseitigen Vorstellung entschied sie, dass ich die passende Adresse für all ihre Probleme sei, angefangen bei der Verdauung bis zu ihrem flüchtigen Ehemann. Zwei Stunden später konnte ich Letzteren überaus gut verstehen, suchte ich doch selbst schon krampfhaft nach einem Grund zu verschwinden. Aber es sollte nicht sein. Sie folgte mir überall hin, sogar vom Vorraum der Toilette aus gab sie noch ihre Kommentare zur Situation der Legehennen in Deutschland ab, während ich auf der Klobrille sitzend nach einem Ausweg suchte…..

Dumm gelaufen (Heute hier, morgen Mord)

„Dumm gelaufen,“ dachte ich lächelnd, als ich mir morgens meine schmerzenden Waden massierte, „und das sowohl im bildlichen als auch im praktischen Sinn.“

Der gestrige Wettkampf im Walken  hatte von Anfang an unter einem schlechten Stern gestanden. Unseren Campingverein, in diesem Jahr erstmals Ausrichter dieses Events, traf daran keine Schuld, es handelte sich schlicht um höhere Gewalt: Der Himmel regenverhangen, der Boden glitschig, die Teilnehmer aus den verschiedenen Camping-Vereinen NRWs völlig frustriert. Alle, außer Heike. Dafür bewunderte ich sie. Heike aus Köln, die in Topform angereist war, und euphorisch betonte,  dass bei ihr immer als erstes die Füße im Ziel anlangten und nicht der Kopf wie bei gewissen anderen, die ihren Körper auf dem letzten Kilometer bereits im 90Grad-Winkel abknickten, um überhaupt noch anzukommen. Die Vorstellung, wie sie waagerecht in der Luft mit den unteren Extremitäten voraus durch´s Ziel segelte, entbehrte nicht einer gewissen Komik, aber wir anderen konnten uns ausmalen, was sie meinte. Als Einzige von uns 25  hatte sie das ganze Jahr trainiert und würde locker die 7km Walken schaffen, während wir übrigen nach bereits 2 km mit schweren Armen hinterher ruderten.

Sie war ein zierliches Persönchen, in pinkfarbenem Sportoutfit, passenden Schuhen und Haarband, kein Gramm Fett zuviel und mit einem strähnchenverzierten dunkelblondem Haarschopf; außerdem fand ich sie sympathisch, wie sie in ihrer typisch kölschen Art jeden ansprach und ihre Kommentare abgab. Dann diese optimistische Ausstrahlung, positiv bis in die Zehenspitzen. Das Ganze in Kombination mit ihrem perfekten Aussehen, das war nicht zu überbieten. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich zwar wie ein wandelndes Bierfass – obwohl Größe 42 noch nicht als Übergröße gilt – aber das tat meiner Bewunderung für sie keinen Abbruch.

Als wir uns schließlich alle am Start versammelt hatten, fing es natürlich wieder an zu regnen. Für diesen Fall besaß ich ein großes graues Fahrradcape, das ich mir schnell über den Kopf streifte. Die Blicke, die ich erntete, schwankten zwischen mitleidig und ungläubig. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst?“ Tadelnd schaute mich Heike an, der euphorische Ton war verschwunden. „Du siehst ja aus wie eine Riesenfledermaus, so wie der Wind gerade dein Cape aufbauscht. Hast du schon mal daran gedacht, dass du deine Mitstreiter durch dein Geflatter behinderst?“ Mir war nicht ganz klar, ob sie das Geräusch oder das Volumen meines Umhangs meinte, der sich jetzt im Wind aufblähte, als handele es sich bei der Veranstaltung um einen Heißluftballonstart. Ich hatte den Ernst des Ganzen wohl unterschätzt…..

Falsche Erwartungen (Bibulum)

Lange hatte er über die Möglichkeit nachgedacht, wie er es wohl bewerkstelligen sollte, ohne selbst involviert zu sein. Er brauchte die richtige Methode und den passenden Ort. Am liebsten hätte er ihn direkt auf irgendwelchen Gleisen entsorgt. Aber das schien ihm zu gefährlich. Wieso hatte dieser Mann auch nur in den Park kommen müssen.

Natürlich war es heutzutage theoretisch nicht verwerflich, seine Freizeit in einem Naturistencamp zu verbringen. Es lag außerdem nur wenige Kilometer von Weil entfernt. Und dieser „Dreiländereck Ferienpark der Naturisten“ entpuppte sich wirklich als etwas Besonderes, er galt sogar allgemein als einer der schönsten seiner Art. Allein der Naturbadesee suchte seinesgleichen. Schon seit Jahren verbrachte er dort regelmäßig seine Freizeit und fühlte sich einfach wohl. Er entspannte sich auf der großflächigen Liegewiese unter einem der zahlreichen Bäume, schwamm von Zeit zu Zeit im See und konnte so herrlich seinen stressigen Alltag vergessen. Er liebte diesen wunderschönen Park.

Bis eine Stimme an seine Ohren drang: “Hallo, was machen Sie denn hier?“ Diese Frage beendete seinen Traum von der erholsamen Freizeit. Sein unangenehmster Kunde hatte ihn entdeckt. Als stellvertretender Filialleiter einer Bank konnte man sich seine Kunden nicht aussuchen, aber dennoch war er jedes Mal froh, wenn dieser Mann das Gebäude wieder verlassen hatte, besonders seitdem es dessen Firma immer schlechter ging. Und nun stand er vor ihm, genauso hüllenlos wie er selbst, und grinste ihn an. „Das hätte ich ja nicht gedacht, Sie hier! Ich hätte Sie ganz anders eingeschätzt, so Richtung Golf vielleicht.“ Wieherndes Gelächter begleitete diese Feststellung …..